Können KI-gestützte Augenscans Alzheimer und Parkinson früh erkennen?

KI-gestützte OCT-Aufnahmen können Hinweise auf Alzheimer und Parkinson liefern. Für eine sichere Diagnose reichen Augenscans derzeit jedoch nicht aus.

18.07.2026 - 13:04
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Können KI-gestützte Augenscans Alzheimer und Parkinson früh erkennen?

Bilge Türk | Traumdeutung

IZMIR, TÜRKEI — KI-gestützte Aufnahmen der Netzhaut könnten künftig frühe Hinweise auf Alzheimer und Parkinson liefern, doch nach dem derzeitigen Forschungsstand kann ein kurzer Augenscan keine der beiden Erkrankungen zuverlässig diagnostizieren.

Wissenschaftler untersuchen, ob Veränderungen der Nervenschichten und kleinsten Blutgefäße im Auge bereits erkennbar werden, bevor deutliche Beschwerden wie Gedächtnisverlust, Zittern oder Bewegungsstörungen auftreten. Fachleute warnen jedoch davor, auffällige Netzhautbilder vorschnell als Beweis für eine neurologische Erkrankung zu bewerten.

Warum die Netzhaut als Spiegel des Gehirns gilt

Die Netzhaut befindet sich im hinteren Teil des Auges und wandelt einfallendes Licht in Nervensignale um. Diese Signale werden über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet und dort zu visuellen Eindrücken verarbeitet.

Da die Netzhaut eng mit dem zentralen Nervensystem verbunden ist, wird sie in der medizinischen Forschung häufig als ein zugängliches „Fenster zum Gehirn“ betrachtet. Veränderungen im Nervengewebe des Gehirns könnten sich möglicherweise auch in den Nervenzellen und Blutgefäßen der Netzhaut widerspiegeln.

Bei Alzheimer untersuchen Forscher unter anderem die Dicke der retinalen Nervenfaserschicht, Veränderungen der Ganglienzellen und Unterschiede in der Gefäßdichte. Auch bei Parkinson wurden in Studien strukturelle und mikrovaskuläre Auffälligkeiten der Netzhaut beobachtet. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in allen Untersuchungen einheitlich.

Einige der beobachteten Veränderungen können außerdem bei normaler Alterung, Diabetes, Bluthochdruck, Glaukom oder anderen Augenkrankheiten auftreten. Eine Auffälligkeit im OCT-Bild ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für Alzheimer oder Parkinson.

So funktioniert eine OCT-Untersuchung

Die optische Kohärenztomografie, kurz OCT, verwendet Lichtwellen, um hochauflösende Querschnittsbilder der Netzhaut zu erstellen. Dabei können einzelne Netzhautschichten, die Makula und der Bereich um den Sehnerv sehr detailliert dargestellt werden.

Während der Untersuchung schaut die untersuchte Person für kurze Zeit in das Gerät. Das Auge wird nicht berührt, und es kommt keine ionisierende Strahlung zum Einsatz. Die Aufnahme selbst dauert häufig nur wenige Sekunden.

In der Augenheilkunde wird OCT bereits routinemäßig eingesetzt, etwa zur Untersuchung und Verlaufskontrolle von Glaukom, Makulaerkrankungen, diabetischen Netzhautveränderungen und Erkrankungen des Sehnervs.

Die schnelle Aufnahmezeit hat zu Schlagzeilen über einen angeblichen „Alzheimer-Test in einer Minute“ geführt. Dabei wird jedoch übersehen, dass eine schnelle Aufnahme nicht mit einer schnellen und sicheren Diagnose gleichzusetzen ist.

Was künstliche Intelligenz in den Aufnahmen sucht

KI-Systeme können eine große Zahl von Merkmalen gleichzeitig auswerten. Dazu gehören die Dicke einzelner Netzhautschichten, die Form des Sehnervs, die Dichte kleiner Blutgefäße, Gefäßverzweigungen und feine Unterschiede zwischen beiden Augen.

Die Algorithmen werden meist mit Aufnahmen von gesunden Personen und Patienten mit diagnostizierten Erkrankungen trainiert. Anschließend wird geprüft, ob das System auch bei zuvor unbekannten Aufnahmen typische Muster erkennen kann.

Die Technologie kann dabei Unterschiede entdecken, die für das menschliche Auge nur schwer sichtbar sind. Ein erkanntes Muster bedeutet jedoch zunächst lediglich, dass eine statistische Ähnlichkeit mit einer bestimmten Patientengruppe besteht.

Es beweist weder, dass die betreffende Person erkrankt ist, noch dass sie später zwangsläufig Alzheimer oder Parkinson entwickeln wird.

Was die bisherigen Studien zeigen

Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Netzhautaufnahmen zur Erkennung neurodegenerativer Erkrankungen. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass die Systeme bei Alzheimer und Parkinson eine insgesamt moderate, aber keine für eine sichere Diagnose ausreichende Genauigkeit erreichen.

Zwischen den ausgewerteten Studien bestanden erhebliche Unterschiede. Verwendet wurden verschiedene Kameras, OCT-Geräte, Patientengruppen, Diagnosekriterien und KI-Modelle. Ein Algorithmus, der in einer Klinik gute Ergebnisse erzielt, muss daher nicht automatisch bei einer anderen Bevölkerung oder mit einem anderen Gerät gleich zuverlässig funktionieren.

Eine weitere Übersichtsarbeit zu frühen Alzheimer-Stadien bewertete OCT und OCT-Angiografie als mögliche ergänzende Biomarker. Gleichzeitig verwiesen die Forscher auf uneinheitliche Befunde und methodische Einschränkungen. Vor einem breiten klinischen Einsatz seien standardisierte Verfahren und größere prospektive Untersuchungen erforderlich.

Die Forschungsergebnisse sind somit vielversprechend, rechtfertigen aber noch keinen routinemäßigen Alzheimer- oder Parkinson-Test allein anhand der Netzhaut.

Kann ein einminütiger Augenscan Alzheimer erkennen?

Ein kurzer OCT-Scan kann Alzheimer derzeit weder sicher bestätigen noch ausschließen. Selbst wenn ein Algorithmus ungewöhnliche Netzhautmerkmale feststellt, muss geklärt werden, ob diese durch eine neurologische Erkrankung, eine Augenkrankheit oder normale Alterungsprozesse verursacht wurden.

Der Augenarzt Doç. Dr. Uğur Ünsal von der Batıgöz Sağlık Grubu in İzmir bezeichnet KI-gestützte Netzhautanalysen als eine aussichtsreiche Entwicklung, warnt jedoch vor falschen Erwartungen. Ünsal arbeitet als Facharzt für Augenheilkunde am Standort Çankaya in İzmir.

„Diese Systeme sollten als unterstützende Technologien verstanden werden, die zur Risikoeinschätzung beitragen können.“

Bei verdächtigen Befunden sei eine ausführliche neurologische Untersuchung notwendig. Ein OCT-Ergebnis könne höchstens Anlass geben, weitere Untersuchungen zu planen.

Zur Alzheimer-Diagnostik gehören unter anderem die Krankengeschichte, Gespräche mit Angehörigen, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests, Blutuntersuchungen sowie je nach Situation MRT-, CT- oder PET-Aufnahmen. Auch Biomarker im Blut oder Nervenwasser können in die Beurteilung einbezogen werden.

Gilt das auch für Parkinson?

Auch Parkinson kann nicht allein durch ein Netzhautbild diagnostiziert werden. Die Diagnose beruht weiterhin in erster Linie auf der Krankengeschichte, den Beschwerden und einer neurologischen Untersuchung.

Wichtige Hinweise sind eine Verlangsamung der Bewegungen, ein Ruhezittern, Muskelsteifheit sowie Probleme mit Gleichgewicht und Gang. Je nach Befund können zusätzliche Untersuchungen wie eine MRT-Aufnahme, Bluttests oder eine Darstellung des Dopaminsystems die ärztliche Einschätzung unterstützen.

Die Parkinson’s Foundation weist darauf hin, dass derzeit kein einzelner Labor- oder Bildgebungstest die Erkrankung sicher bestätigen kann. Auch Untersuchungen wie ein DaTscan ergänzen lediglich das Gesamtbild und ersetzen die klinische Beurteilung nicht.

Für KI-gestützte Netzhautanalysen gilt daher derselbe Vorbehalt: Ein erkanntes Muster kann ein Hinweis sein, ist aber noch keine medizinische Diagnose.

Warum frühe Hinweise trotzdem wichtig sind

Alzheimer und Parkinson können das Nervensystem bereits über längere Zeit verändern, bevor die typischen Beschwerden deutlich werden. Ein wichtiges Ziel der Forschung ist deshalb, zuverlässige biologische Hinweise möglichst früh zu erkennen.

Eine leicht zugängliche Netzhautuntersuchung hätte mehrere Vorteile. OCT-Geräte sind bereits in vielen Augenkliniken vorhanden, die Untersuchung ist schnell und kann ohne Strahlenbelastung wiederholt werden.

Sollten zukünftige Studien die bisherigen Ergebnisse bestätigen, könnten Augenscans helfen, Personen mit erhöhtem Risiko für weiterführende Untersuchungen auszuwählen. Denkbar wäre eine Kombination aus Netzhautaufnahmen, kognitiven Tests, Blutbiomarkern und neurologischer Untersuchung.

Ein solches Verfahren könnte Ärzte bei der Risikoeinschätzung oder Verlaufskontrolle unterstützen. Es wäre jedoch weiterhin nur ein Bestandteil einer umfassenden Diagnostik.

Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist

Menschen mit zunehmender Vergesslichkeit, wiederholter Orientierungslosigkeit, auffälligen Persönlichkeitsveränderungen oder Schwierigkeiten bei vertrauten Alltagstätigkeiten sollten sich ärztlich untersuchen lassen.

Auch anhaltendes Zittern, deutlich verlangsamte Bewegungen, Muskelsteifheit, Gleichgewichtsprobleme oder Veränderungen des Gangbildes sollten neurologisch abgeklärt werden. Die Diagnose sollte nicht durch einen Online-Test, einen kommerziellen KI-Bericht oder ein einzelnes Augenbild ersetzt werden.

Für beschwerdefreie Menschen gilt eine OCT-Untersuchung derzeit nicht als allgemein anerkannter Screeningtest auf Alzheimer oder Parkinson. Besonders Aussagen wie „Demenzdiagnose in einer Minute“ oder „Alzheimer sicher am Auge erkennen“ stellen den wissenschaftlichen Entwicklungsstand übertrieben dar.

KI-gestützte Augenscans könnten sich in Zukunft zu einem wertvollen ergänzenden Instrument entwickeln. Gegenwärtig liefern sie mögliche Hinweise, aber keine endgültige Antwort auf die Frage, ob eine Person an Alzheimer oder Parkinson erkrankt ist.

TraumDeutung24.Net

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